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Vita

Reinhard Schneider und Tonmann
Foto Regina Geisler
  • Reinhard Schneider, geboren 1952 in Gelsenkirchen, Werkzeugmacher und Magister der Theaterwissenschaft.
  • Seit 1983 Autor und Regisseur von Hörfunkfeatures.
  • Ab 1991 zugleich Produzent, Autor und Regisseur von Dokumentarfilmen und Features im Fernsehen.
  • Zwischen 1986 und 1995 Lehraufträge an verschiedenen Universitäten und Instituten.
  • Seit 1983 freie Filmdokumentationen und Auftragsproduktionen für das Fernsehen und für den Hörfunk.

Mehr sagen, als man selber weiß

Dokumente in Form von Filmen und Hörfunksendungen herzustellen, bedeutet für mich immer Suche und Gestaltung von „privilegierten Augenblicken“. Es sind Momente, in denen sich für mich eine Wahrheit offenbart. Plötzlich verdichtet sich das gewählte Thema auf einen Punkt und leuchtet grell auf.

In dem Film „Tschernobyl“ aus dem Jahr 1996 ist es der in sich zusammengesunken auf seiner Wohnzimmercouch sitzende Schichtleiter der Unfallnacht, Boris Rogoschkin. Es entsteht ein Kontrast zwischen der Schlichtheit seiner Worte und dem desaströsen Ereignis, von dem er berichtet. Schlagartig wird deutlich, dass die Kernenergie im Fall einer Katastrophe dem einzelnen eine Verantwortung auferlegt, die weder tragbar noch ertragbar ist.

In dem Hörfunkfeature „Der Abstieg“ von 2007 ist es der Telefonanruf des arbeitslosen Schlossers Norbert Kabbeck auf eine Stellenanzeige. Vom anderen Ende der Leitung vernimmt er nur harsche Worte, und in Norberts fast automatenhaften Nachfragen und Antworten liegt die Verzweiflung seiner prekären Lage. Als er schließlich enttäuscht den Hörer auflegt, lacht er plötzlich auf – ein lautes und stotterndes Lachen, das mühsam ein Weinen verbirgt.

Sowohl bei Norbert Kabbeck als auch bei Boris Rogoschkin handelt es sich um unverstellte Augenblicke von emotionaler Dichte, die etwas offenbaren, das über den reinen Erzählinhalt hinausgeht. Im Kontext der Ton- und Filmmontage führen solche dokumentierten Momente am deutlichsten dazu, dass Eins plus Eins in der Summe nicht Zwei ergibt, sondern Drei. Das Dritte steht dabei für einen verbleibenden Rest von Expressivität, die das Hörfunk- oder Filmmedium schafft. Es ist eine Expressivität, die sich nicht eindeutig auflösen lässt. Für den Zuhörer oder Zuschauer entsteht im geglückten Fall ein unbestimmbarer Emotions- und Assoziationsraum, der innere Bewegung erzeugt.